Noch Babyspeck oder schon Übergewicht? Erfahren Sie mehr darüber, wie Sie Kindern helfen können, schlank und gesund zu leben.
Wann wird Kindergewicht zum Gesundheitsproblem – und wie können Familien ohne Druck wirksam gegensteuern?
Übergewicht bei Kindern ist kein Randthema: Rund 15 Prozent der 3- bis 17-Jährigen in Deutschland gelten als übergewichtig, etwa 6 Prozent haben eine Adipositas. Gleichzeitig ist Vorsicht bei alarmistischen Aussagen geboten. Die letzten bundesweit repräsentativen Messdaten des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigten zunächst eine Stabilisierung auf hohem Niveau. Während und nach der Corona-Pandemie gab es jedoch deutliche Hinweise auf ungünstige Entwicklungen bei Gewicht, Bewegung und Ernährung. (Quelle: Robert Koch-Institut)
Entscheidend für Eltern ist deshalb nicht die Zahl auf der Waage allein. Viel wichtiger sind Wachstum, gesundheitliche Risiken und die Frage, wie die ganze Familie Schritt für Schritt gesündere Gewohnheiten entwickeln kann.
Gut beraten
Bestehen Zweifel an der Gewichtsentwicklung, ist die kinderärztliche Praxis die richtige Anlaufstelle. Auch Ihre Apotheke unterstützt Sie gerne bei Fragen zu geeigneten Lebensmitteln und Getränken, Nahrungsergänzungsmitteln und Arzneimitteln und hilft dabei, unseriöse Abnehmversprechen von medizinisch sinnvollen Maßnahmen zu unterscheiden.
Hat Übergewicht bei Kindern wirklich drastisch zugenommen?
Die kurze Antwort lautet: Die Situation ist ernst, aber „drastisch zugenommen“ lässt sich für ganz Deutschland nicht ohne Einschränkung behaupten.
Nach der zweiten Welle der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) aus den Jahren 2014 bis 2017 waren 15,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen übergewichtig – Adipositas bereits eingeschlossen. 5,9 Prozent hatten eine Adipositas. Gegenüber der KiGGS-Basiserhebung von 2003 bis 2006 zeigte sich damals kein weiterer signifikanter Anstieg. (Quelle: Edoc-Server)
Allerdings sind diese bundesweit gemessenen Daten inzwischen mehrere Jahre alt. Neuere Entwicklungen geben durchaus Anlass zur Sorge. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sprach im März 2026 von einer in den vergangenen Jahren „deutlich steigenden Tendenz“, nennt aber weiterhin rund 15 Prozent Übergewicht und knapp 6 Prozent Adipositas. (Quelle: DGKJ e.V.)
Besonders auffällig waren die Veränderungen während der Corona-Pandemie. In einer repräsentativen Forsa-Elternbefragung aus dem Jahr 2022 berichteten 16 Prozent, ihr Kind sei seit Pandemiebeginn dicker geworden. Bei den 10- bis 12-Jährigen waren es sogar 32 Prozent. Gleichzeitig bewegten sich 44 Prozent weniger als zuvor, 27 Prozent aßen häufiger Süßigkeiten und bei 70 Prozent hatte die Mediennutzung zugenommen. Wichtig: Dabei handelte es sich um Elternangaben und nicht um objektiv gemessene Körpergewichte. Die Ergebnisse zeigen also einen problematischen Trend, ersetzen aber keine bundesweite Messstudie. (Quelle: Adipositas Gesellschaft)
Wann ist ein Kind überhaupt übergewichtig?
Bei Kindern funktioniert die einfache Einteilung für Erwachsene nach dem Body-Mass-Index (BMI) nicht. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Da Kinder wachsen und sich Körperzusammensetzung und Gewicht je nach Alter und Geschlecht verändern, muss der BMI anschließend mit alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilkurven verglichen werden.
Nach den in Deutschland gebräuchlichen Referenzwerten der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) gilt:
- über der 90. bis zur 97. BMI-Perzentile: Übergewicht
- über der 97. bis zur 99,5. Perzentile: Adipositas
- über der 99,5. Perzentile: extreme Adipositas.
Eine Perzentile zeigt vereinfacht, wo ein Kind im Vergleich mit gleichaltrigen Kindern desselben Geschlechts liegt. Die 97. Perzentile bedeutet beispielsweise, dass der BMI höher liegt als bei ungefähr 97 Prozent der Vergleichsgruppe.
Der BMI ist dabei ein Orientierungskriterium, keine Diagnose aus dem Taschenrechner. Körperbau, Muskelmasse, Wachstum und die bisherige Entwicklung müssen mitbeurteilt werden. Deshalb lohnt bei Unsicherheit ein Blick in die Wachstumskurven des Vorsorgehefts und ein Gespräch in der kinder- und jugendärztlichen Praxis.
Je älter die Kinder, desto häufiger ist Übergewicht
Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen sind erheblich. In den RKI-Daten hatten rund 9 Prozent der 3- bis 6-Jährigen, aber bereits 20,6 Prozent der 11- bis 13-Jährigen Übergewicht einschließlich Adipositas. Bei den 14- bis 17-Jährigen lag der Anteil bei 17,4 Prozent. Die Häufigkeit einer Adipositas stieg von etwa 2 Prozent bei den 3- bis 6-Jährigen auf 8,5 Prozent bei den 14- bis 17-Jährigen. (Quelle: Robert Koch-Institut)
Schuldzuweisungen helfen nicht
Übergewicht ist nicht einfach eine Frage mangelnder Disziplin. Veranlagung, Ernährung, Bewegung, Schlaf, psychische Belastungen, Medienzeiten und das soziale Umfeld greifen ineinander. Hier können Veränderungen ansetzen.
Warum Adipositas bei Kindern ernst genommen werden sollte
Ein paar zusätzliche Kilos bedeuten nicht automatisch eine Erkrankung. Bei ausgeprägtem Übergewicht steigt allerdings bereits im Kindesalter das Risiko für gesundheitliche Probleme.
Bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas treten unter anderem Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Störungen der Insulinwirkung häufiger auf. Hinzukommen können eine Fettleber, Atemstörungen im Schlaf sowie Beschwerden an Hüfte, Knie und anderen Teilen des Bewegungsapparates. Auch die psychische Belastung durch Hänseleien, Ausgrenzung oder ein negatives Körperbild darf nicht unterschätzt werden.
Deshalb sollte man das Thema ernst nehmen – ohne das Kind selbst zum Problem zu erklären. Abwertende Kommentare über Figur oder Gewicht können Selbstwert und Wohlbefinden zusätzlich belasten. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit empfiehlt Eltern ausdrücklich, Kinder nicht nach ihrer Figur zu bewerten und Übergewicht nicht zum beherrschenden Familienthema zu machen.
Was Eltern konkret tun können
Die wirkungsvollste Unterstützung findet meistens nicht auf der Waage statt, sondern im Alltag. Dabei müssen nicht fünf Dinge gleichzeitig perfekt funktionieren.
1. Die ganze Familie einbeziehen
Statt zu sagen: „Du musst abnehmen“, ist es besser, gemeinsame Gewohnheiten zu verändern. Kinder lernen viel durch Nachahmung. Wenn Eltern selbst Wasser trinken, zu Fuß gehen, gemeinsam kochen und das Smartphone beim Essen weglegen, wirkt das oft stärker als lange Erklärungen. Das nimmt dem Kind außerdem das Gefühl, als einziges Familienmitglied „auf Diät“ gesetzt zu werden.
2. Bei den Getränken anfangen
Hier lässt sich häufig besonders einfach Energie einsparen. Limonaden, Eistees, Fruchtsaftgetränke und viele andere Süßgetränke enthalten ungefähr 80 bis 100 Gramm Zucker pro Liter. Wasser und ungesüßter Tee sind deshalb im Alltag die bessere Wahl. Auch reiner Fruchtsaft ist nicht kalorienfrei und sollte nicht zum Standard-Durstlöscher werden.
3. Nicht verbieten – Alltag strukturieren
Eine ausgewogene Kinderernährung braucht keine komplizierten Diätprodukte. Pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Getreideprodukte, Hülsenfrüchte und Nüsse sollten einen großen Anteil ausmachen; hinzu kommen altersgerecht Milchprodukte und andere tierische Lebensmittel.
Hilfreich sind feste Mahlzeiten, möglichst gemeinsames Essen und weniger beiläufiges Snacken vor Fernseher, Tablet oder Spielekonsole. Essen sollte außerdem möglichst nicht regelmäßig als Trost, Belohnung oder Mittel gegen Langeweile eingesetzt werden.
4. Bewegung muss nicht „Sport“ heißen
Für Kinder zählt jede Bewegung: der Weg zur Schule zu Fuß oder mit dem Fahrrad, Toben, Ballspielen, Schwimmen, Tanzen oder ein Familienausflug. Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt beispielsweise für Grundschulkinder insgesamt mindestens 90 Minuten Bewegung pro Tag.
Entscheidend ist, dass die Aktivität zum Kind passt. Wer im Schulsport schlechte Erfahrungen gemacht hat, findet vielleicht beim Schwimmen, Radfahren, Tanzen oder Klettern Freude an Bewegung.
5. Schlaf und Bildschirmzeiten mitdenken
Übergewicht ist nicht nur ein Ernährungsthema. Lange Bildschirmzeiten bedeuten oft viel Sitzen und können mit zusätzlichem Snacken verbunden sein. Auch Schlafmangel und chronischer Stress können ungünstige Auswirkungen auf die Gewichtsentwicklung haben.
Ein regelmäßiger Tagesablauf mit ausreichend Schlaf, medienfreien Mahlzeiten und Bewegung am Nachmittag kann deshalb mehr bewirken als eine kurzfristige Diät.
Muss ein übergewichtiges Kind tatsächlich abnehmen?
Nicht unbedingt. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Behandlung Erwachsener.
Kinder wachsen noch. Bei leichterem Übergewicht kann es deshalb je nach Alter und individueller Situation bereits sinnvoll sein, das aktuelle Körpergewicht über längere Zeit ungefähr zu halten. Wenn das Kind gleichzeitig größer wird, verbessert sich das Verhältnis von Größe zu Gewicht. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit weist ausdrücklich darauf hin, dass manchmal eine Gewichtsstabilisierung ausreicht. Ob das der richtige Weg ist, sollte die Kinderärztin oder der Kinderarzt beurteilen.
Eigenmächtige Crash-Diäten sind deshalb keine gute Idee. Das Ziel ist nicht möglichst schnelles Abnehmen, sondern eine gesunde körperliche und psychische Entwicklung.
Wann gehört Übergewicht in ärztliche Hände?
Wenn das Gewicht deutlich oberhalb der altersgerechten Referenzwerte liegt oder die Gewichtskurve über längere Zeit stark nach oben wandert, sollte eine kinder- und jugendärztliche Abklärung erfolgen. Das gilt besonders bei Adipositas sowie bei Beschwerden wie Gelenkschmerzen, starkem Schnarchen und Tagesmüdigkeit, auffälligem Blutdruck oder deutlicher psychischer Belastung.
Die Ärztin oder der Arzt kann die Wachstumskurve einordnen, mögliche Begleiterkrankungen prüfen und entscheiden, ob Ernährungsberatung, ein strukturiertes Therapieprogramm oder eine spezialisierte Adipositas-Ambulanz sinnvoll ist.
Vorsicht bei Abnehmprodukten
Abnehmpräparate, „Fatburner“, Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente aus fragwürdigen Internetquellen gehören nicht in die Selbstbehandlung eines übergewichtigen Kindes. Auch verschreibungspflichtige Medikamente gegen Adipositas sind keine unkomplizierte Abkürzung.
Die 2026 aktualisierte S3-Leitlinie sieht Medikamente aus der Gruppe der Inkretinmimetika inzwischen bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas ab dem jeweils zugelassenen Mindestalter als mögliche Ergänzung zu einer leitliniengerechten Lebensstilbehandlung. Bei extremer Adipositas und anhaltender Gewichtszunahme soll eine solche Therapie gegebenenfalls in spezialisierten Zentren erwogen und engmaschig überwacht werden.
Übergewicht bei Kindern kurz & knapp
Übergewicht bei Kindern ist häufig und sollte gesundheitlich ernst genommen werden. Rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind betroffen, etwa 6 Prozent haben eine Adipositas. Neuere Beobachtungen und die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie sprechen dafür, Prävention und Behandlung weiter zu verstärken. Die Datenlage rechtfertigt aber keine pauschale Behauptung, dass sich die bundesweite Häufigkeit in wenigen Jahren „drastisch“ vervielfacht habe.
Für Eltern ist ohnehin eine andere Frage wichtiger: Was hilft meinem Kind jetzt? Die Antwort beginnt meist mit kleinen Veränderungen für die gesamte Familie: Wasser statt regelmäßiger Süßgetränke, gemeinsame ausgewogene Mahlzeiten, weniger Essen nebenbei, mehr Bewegung im Alltag, ausreichender Schlaf und ein vernünftiger Umgang mit Bildschirmmedien. Gleichzeitig sollte das Kind nicht auf seine Körperform reduziert werden.
Ihre Margarethen Apotheke kann außerdem prüfen, ob Medikamente eingenommen werden, die möglicherweise Einfluss auf Appetit oder Gewicht haben, und bei Arzneimittel- und Ernährungsfragen beraten. Verordnete Arzneimittel sollten jedoch niemals eigenständig abgesetzt oder verändert werden.
FAQ: Häufige Fragen zu Übergewicht bei Kindern
Wie erkenne ich, ob mein Kind wirklich übergewichtig ist?
Nicht allein am Aussehen. Berechnet wird zunächst der Body-Mass-Index (BMI). Anschließend muss der Wert anhand alters- und geschlechtsspezifischer BMI-Perzentilen eingeordnet werden. Ein Wert oberhalb der 90. Perzentile gilt nach den in Deutschland verwendeten AGA-Referenzen als Übergewicht.
Sollte ein übergewichtiges Kind weniger essen?
Nicht pauschal. Kinder benötigen ausreichend Energie und Nährstoffe für Wachstum und Entwicklung. Häufig geht es zunächst darum, Ernährung und Getränke ausgewogener zu gestalten und Gewichtszunahme zu begrenzen. Bei manchen Kindern reicht eine Gewichtsstabilisierung während des weiteren Längenwachstums.
Wie viel Bewegung braucht ein Kind?
Je nach Alter unterscheiden sich die Empfehlungen. Die deutschen Empfehlungen nennen für Grundschulkinder beispielsweise mindestens 90 Minuten tägliche Bewegung. Entscheidend sind regelmäßige Bewegung und weniger langes Sitzen – nicht zwingend leistungsorientierter Sport.
Können Kinder Medikamente zum Abnehmen bekommen?
Bei einer medizinisch diagnostizierten Adipositas kann eine medikamentöse Therapie inzwischen in bestimmten Fällen ab dem jeweils zugelassenen Mindestalter erwogen werden. Sie ergänzt eine Lebensstilbehandlung und gehört in ärztliche beziehungsweise bei schweren Fällen spezialisierte Betreuung.
Was sollte ich sagen, wenn mein Kind wegen seines Gewichts gehänselt wird?
Nehmen Sie die Situation ernst und sprechen Sie nicht abwertend über Figur oder Gewicht. Stärken Sie Fähigkeiten und Selbstwert Ihres Kindes und greifen Sie bei Mobbing ein. Bei anhaltender Belastung können kinderärztliche oder schulpsychologische Beratungsstellen unterstützen.
Gemeinsam kochen mit frischen Zutaten
Hoch verarbeitete Lebensmittel (Fertiggerichte, Konserven) enthalten meist mehr Fett und Zucker, als man erwartet. Bereiten Sie die Mahlzeiten lieber gemeinsam mit ihren Kindern aus frischen Zutaten zu. So haben Sie die Kontrolle, was drin ist. Die Kinder lernen auf diese Weise, was ihnen guttut. Bieten Sie als Snacks Karotten-, Paprika- oder Gurkensticks an und machen als Nachtisch einen bunten Obstsalat. Bei Getränken: Wasser sichtbar auf den Tisch stellen und Süßgetränke nicht als ständig verfügbares Alltagsgetränk einkaufen.
Verfasst und geprüft von der APOVENA Fachredaktion in Zusammenarbeit mit der Margarethen Apotheke in Reichertshofen . Stand 09/2026. Dieser Artikel ersetzt keine Beratung in einer Arztpraxis oder Apotheke.
Für eine persönliche Beratung kommen Sie einfach bei uns in der Margarethen Apotheke in Reichertshofen vorbei. Wir freuen uns auf Ihren Besuch und helfen Ihnen gerne weiter.
Michael Feistner,